Kurzdefinition
Halluzinationen bei einem LLM (Large Language Model) sind Antworten, die überzeugend klingen, aber nicht durch echte Quellen, Daten oder die bereitgestellte Wissensbasis gedeckt sind. In einem Chatbot äußert sich das oft als „klingt richtig, ist aber falsch“.
Merksatz: Ein LLM kann flüssig formulieren – das heißt nicht, dass es „weiß“, ob etwas stimmt.
Warum Halluzinationen für dich wichtig sind
Wenn du Online-Marketing machst oder als Selbstständiger/Unternehmer einen Chatbot einsetzt, geht es um Vertrauen und Conversion. Eine halluzinierte Aussage kann:
- falsche Produktinfos oder Preise kommunizieren (Umsatz- und Support-Schaden),
- rechtliche Risiken erhöhen (z. B. „Garantieversprechen“, die es nicht gibt),
- deine Marke beschädigen („Der Bot erzählt Quatsch“).
Die gute Nachricht: Du kannst Halluzinationen nicht zu 100% „abschalten“, aber du kannst sie massiv reduzieren – vor allem mit RAG, einer gepflegten Wissensbasis und klaren Regeln/Grenzen.
Präzise Definition: Was genau ist eine Halluzination?
Eine Halluzination liegt vor, wenn ein LLM Inhalte erzeugt, die faktisch falsch oder nicht belegbar sind – und dabei trotzdem konsistent und plausibel wirken. Das passiert typischerweise, wenn:
- die Antwort nicht im Kontext (Prompt/Chatverlauf) oder in der Wissensbasis enthalten ist,
- das Modell Lücken mit „wahrscheinlich klingenden“ Details füllt,
- es widersprüchliche Signale gibt und das Modell „glättet“ statt zuzugeben, dass es unsicher ist.
Wichtig: Ein LLM „lügt“ nicht bewusst. Es erzeugt Text auf Basis von Mustern und Wahrscheinlichkeiten (z. B. so ähnlich beschrieben bei TÜVIT und IBM). TÜVIT: KI-Halluzinationen | IBM: AI Hallucinations
Wie funktioniert das? (Einfach erklärt)
1. Ein LLM ist kein Nachschlagewerk
LLMs wie ChatGPT, Gemini oder Modelle aus dem Umfeld von Mistral AI sind primär darauf trainiert, den nächsten Textbaustein wahrscheinlich passend zu erzeugen. Das Ergebnis wirkt oft „wissend“, ist aber im Kern eine sehr gute Textvorhersage – nicht automatisch ein Faktencheck.
2. Wenn Informationen fehlen, wird oft „aufgefüllt“
Fehlt eine konkrete Information (z. B. „Wie sind eure Rückgaberegeln?“), kann das Modell versuchen, eine plausible Standardantwort zu konstruieren – und damit halluzinieren.
3. Prompt- und Sampling-Einstellungen beeinflussen das Risiko
- Vage Prompts erhöhen Halluzinationen („Schreib was dazu…“).
- Hohe Kreativität (z. B. höhere Temperatur) steigert das Risiko, wenn es um Fakten geht.
- Zu viel Kontext oder schlecht strukturierte Wissensbasis kann Retrieval/Antwortqualität verschlechtern.
Wo ist es besonders kritisch?
Halluzinationen sind überall relevant, wo ein LLM als Chatbot oder Assistent „verbindliche“ Aussagen trifft:
- Sales-Chatbots (Preise, Rabatte, Lieferzeiten, Vertragsdetails)
- Support-Chatbots (Troubleshooting, Garantien, Rückgabeprozesse)
- Content-/Marketing-Assistenz (Fakten über Zielgruppen, Features, Wettbewerber)
- Interne Wissensbots (HR-Regeln, IT-Anleitungen, SOPs)
Vorteile: Was bringt dir Halluzinations-Reduktion konkret?
- Mehr Vertrauen in deinen Chatbot und bessere Nutzererfahrung
- Höhere Conversion, weil Antworten konsistent und belastbar sind
- Weniger Support-Tickets („Der Bot hat mir X gesagt…“)
- Weniger Risiko durch klar begrenzte Aussagen und saubere Quellenlage
2 praxisnahe Beispiele
Beispiel 1 (Online-Marketing): Sales-Chatbot halluziniert einen Rabatt
Situation: Du betreibst eine Landingpage für ein Coaching. Der Chatbot soll Fragen zu Preis und Paketen beantworten. Ein Nutzer fragt: „Gibt es aktuell einen Rabatt?“
Problem: Der Bot antwortet: „Ja, 20% bis Sonntag mit Code START20.“ – obwohl es keinen Code gibt. Ergebnis: Frust, Vertrauensverlust, unnötige E-Mails.
Lösung mit RAG + Regeln:
- Lege eine Wissensbasis an (Preisliste, Angebotsseite, FAQ) und indexiere sie als Embeddings.
- Nutze eine Vektor-Datenbank, um zu jeder Frage die passenden Textstellen zu finden.
- Setze eine harte Regel: „Antworte nur, wenn die Info in den gelieferten Quellen steht. Sonst: ‘Dazu habe ich keine verlässliche Info. Soll ich dich an den Support weiterleiten?’“
So zwingst du den Chatbot, bei Rabatt-/Preisfragen nur auf verifizierte Inhalte zurückzugreifen – statt kreativ zu raten. (Grundprinzip RAG: z. B. beschrieben bei AWS und NVIDIA.) AWS: What is RAG? | NVIDIA: What is RAG?
Beispiel 2 (Software): Interner Dev-Chatbot erfindet API-Endpoints
Situation: Ein Team nutzt einen Chatbot, um schneller mit einer internen API zu arbeiten. Frage: „Wie lautet der Endpoint, um eine Rechnung zu stornieren?“
Problem: Der Bot erfindet: /api/v1/invoice/cancel – tatsächlich heißt es /api/v2/billing/invoices/{id}:void. Ergebnis: Zeitverlust, Fehlermeldungen, falsche Implementierungen.
Lösung mit RAG + strukturierten Quellen:
- RAG auf OpenAPI-Spezifikation, interne Doku und Changelog.
- Antwortformat erzwingen: Endpoint + Methode + Parameter + Quelle (Doku-Datei/Abschnitt).
- Regel: „Wenn die Quelle fehlt oder widersprüchlich ist: stelle Rückfragen oder sag ‘nicht sicher’.“
Häufige Missverständnisse und typische Fehler
- „RAG verhindert Halluzinationen vollständig.“ Nein. RAG reduziert stark, aber Retrieval kann danebenliegen (schlechte Daten, falsche Treffer, zu lange/zu kurze Textstücke).
- „Mehr Kontext = weniger Fehler.“ Zu viel irrelevanter Kontext kann die Antwort verschlechtern. Struktur und Relevanz zählen.
- „Prompting allein reicht.“ Ein guter Prompt hilft, ersetzt aber keine belastbare Wissensbasis bei Faktenfragen.
- „Die Vektor-Datenbank ist die Wissensbasis.“ Die Vektor-Datenbank speichert i. d. R. Embeddings + Referenzen; die eigentliche Wissensbasis sind deine Inhalte (Docs, Seiten, PDFs, DB-Auszüge).
- „Der Bot soll immer antworten.“ Genau das provoziert Halluzinationen. Ein professioneller Chatbot muss auch ‘Ich weiß es nicht’ können.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
- Halluzination vs. Fehlerhafte Quelle: Bei der Halluzination erfindet das LLM Inhalte. Bei einer fehlerhaften Quelle zitiert es korrekt – aber die Quelle ist falsch oder veraltet.
- Halluzination vs. Bias: Bias sind systematische Verzerrungen (z. B. in Tonalität oder Bewertung). Halluzinationen sind primär unbelegte/erfundene Fakten oder Details.
- Halluzination vs. Prompt Injection: Prompt Injection ist ein Sicherheitsproblem (Manipulation durch Nutzereingaben). Es kann Halluzinationen auslösen, ist aber eine andere Ursache-Kategorie.
- Halluzination vs. Kreative Generierung: Kreative Texte (Slogans, Ideen) dürfen „neu“ sein. Halluzinationen sind problematisch, wenn der Output als Fakt/Regel/Beleg verkauft wird.
- Halluzination vs. Missverständnis: Manchmal beantwortet das Modell die falsche Frage (Interpretationsfehler). Das ist nicht zwingend Halluzination, kann aber ähnlich wirken.
Best Practices: Checkliste gegen Halluzinationen (praxisorientiert)
1. Wissensbasis, Embeddings, Vektor-Datenbank (RAG richtig aufsetzen)
- Nur relevante Quellen in die Wissensbasis (aktuelle Preise, gültige Policies, geprüfte Doku).
- Sauberes Chunking: Text so schneiden, dass jede Passage für sich Sinn ergibt (nicht zu kurz, nicht riesig).
- Metadaten nutzen: Version, Datum, Produkt, Sprache, URL, Dokumenttyp.
- Retrieval testen: Für Top-20 Nutzerfragen prüfen, ob die richtigen Passagen gefunden werden.
2. Klare Regeln/Grenzen im System-Prompt (Guardrails)
- Antwort nur aus Quellen: „Nutze ausschließlich die bereitgestellten Textstellen.“
- Kein Raten: „Wenn Informationen fehlen, stelle Rückfragen oder sag, dass du es nicht sicher weißt.“
- Scope festlegen: Was darf der Bot (z. B. Produktfragen), was nicht (Rechts-/Medizinberatung)?
- Ton & Format definieren: kurz, strukturiert, mit Aufzählungen, ggf. Link zur Quelle.
3. Ausgabe absichern
- Quellen anzeigen (z. B. „Basierend auf: FAQ > Rückgabe, Stand 2026-01-10“).
- Konfidenz-Logik (pragmatisch): Wenn Retrieval-Ähnlichkeit zu niedrig ist, keine endgültige Antwort geben.
- Fallback: „Support kontaktieren“, „Ticket erstellen“, „Rückruf anfordern“.
4. Monitoring & kontinuierliche Verbesserung
- Halluzinations-Logs: Sammle Fälle, in denen Nutzer korrigieren oder abspringen.
- Regelmäßige Updates der Wissensbasis (Preise/Policies ändern sich).
- Evaluation mit echten Fragen (nicht nur Demo-Prompts).
Wenn du Embeddings nutzt, lohnt sich ein Blick in die Grundlagen: OpenAI: Embeddings Guide. Eine verständliche Einordnung von Vektoreinbettungen findest du z. B. auch bei Elastic: Vector Embeddings.
Kurzes Fazit + nächster Schritt
Halluzinationen sind ein Kernrisiko, wenn du ein LLM als Chatbot für Sales, Support oder Marketing einsetzt. Du bekommst deutlich mehr Verlässlichkeit, wenn du Faktenfragen nicht „aus dem Modell“ beantworten lässt, sondern über RAG aus einer gepflegten Wissensbasis ziehst – abgesichert durch klare Regeln und Fallbacks.
Nächster Schritt: Nimm 10 häufige Nutzerfragen (Preise, Lieferung, Rückgabe, Features). Baue eine kleine Wissensbasis (FAQ + Preisdokument), setze RAG mit Vektor-Datenbank auf und erzwinge die Regel „nur aus Quellen antworten“. Danach iterierst du anhand echter Chat-Logs.
Quellen / weiterführende Links
Mini-Glossar verwandter Begriffe
- Halluzination: Unbelegte oder falsche, aber plausibel klingende Aussage eines LLM.
- LLMs: Large Language Model; KI-Modell, das Sprache generiert und verarbeitet (z. B. für Chatbots).
- Chatbot: Dialogsystem, das Nutzerfragen beantwortet; mit LLM besonders flexibel, aber anfällig für Halluzinationen ohne Guardrails.
- RAG (Retrieval-Augmented Generation) kombiniert Suche in externer Wissensbasis mit Textgenerierung, um Antworten zu „erden“.
- Wissensbasis: Deine geprüften Inhalte (FAQ, Doku, Policies, Produktseiten), aus denen der Bot Fakten ziehen darf.
- Embeddings: Numerische Repräsentationen von Text, um ähnliche Inhalte semantisch zu finden.
- Vektor-Datenbank: Speichert/indiziert Embeddings und ermöglicht schnelle Ähnlichkeitssuche für RAG.
- Prompts: Anweisungen an das Modell; gute Prompts reduzieren Fehler, ersetzen aber keine verlässlichen Datenquellen.
- Guardrails: Regeln, Formate und Sicherheitsgrenzen, die festlegen, was der Bot darf und wie er antwortet.
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Häufige Fragen
Was sind Halluzinationen bei LLMs in Chatbots?
Halluzinationen sind Antworten eines LLM, die plausibel klingen, aber nicht durch echte Quellen, deine Wissensbasis oder den bereitgestellten Kontext gedeckt sind. In einem Chatbot zeigt sich das oft als „klingt korrekt, ist aber falsch“.
Warum halluziniert ein LLM überhaupt?
Ein LLM ist kein Nachschlagewerk, sondern erzeugt Text anhand von Wahrscheinlichkeiten. Fehlen verlässliche Informationen, kann es Lücken mit plausiblen Details füllen. Vage Prompts, widersprüchlicher Kontext oder eine schwache Wissensbasis erhöhen das Risiko.
Woran erkenne ich Halluzinationen im Chatbot?
Typische Hinweise sind: konkrete Zahlen/Details ohne Quelle, erfundene Produktfeatures, widersprüchliche Aussagen im Chatverlauf oder sehr „selbstsichere“ Antworten trotz fehlender Daten. Best Practice: Lass den Bot Quellen/Belege aus der Wissensbasis nennen.
Sind Halluzinationen das gleiche wie falsche Informationen in der Wissensbasis?
Nein. Bei einer Halluzination erfindet das LLM Inhalte. Bei einer fehlerhaften oder veralteten Wissensbasis kann der Bot korrekt „zitieren“, aber die Quelle ist falsch. Lösung: Wissensbasis pflegen und RAG-Logik mit Qualitätschecks nutzen.
Wie hilft RAG gegen Halluzinationen?
RAG (Retrieval-Augmented Generation) kombiniert Suche in deiner Wissensbasis mit der Antwortgenerierung. Der Chatbot holt zuerst passende Textstellen (z. B. via Embeddings + Vektor-Datenbank) und formuliert dann die Antwort auf Basis dieser Quellen – statt zu raten.
Welche Rolle spielt eine Vektor-Datenbank bei RAG?
Eine Vektor-Datenbank speichert und indexiert Embeddings (Text-Vektoren) und ermöglicht eine schnelle semantische Ähnlichkeitssuche. Dadurch findet dein Chatbot auch dann passende Inhalte, wenn Nutzer andere Wörter nutzen als in deiner Dokumentation.
Was sind Embeddings – einfach erklärt?
Embeddings sind numerische Repräsentationen von Text. Ähnliche Bedeutungen liegen im Vektorraum näher beieinander. Für RAG heißt das: Dein Chatbot kann relevante Passagen aus der Wissensbasis finden, selbst wenn die Formulierung der Nutzerfrage abweicht.
Kann ich Halluzinationen komplett verhindern?
In der Praxis: nicht zu 100%. Du kannst das Risiko aber stark reduzieren mit RAG, einer sauberen Wissensbasis, klaren Regeln/Guardrails (z. B. „nicht raten“) und einem Fallback („ich weiß es nicht, hier ist der Support“).
Welche Regeln (Guardrails) sollten in einen Sales-Chatbot?
- Nur aus Quellen antworten: Nutze ausschließlich bereitgestellte Textstellen aus der Wissensbasis.
- Nicht raten: Wenn Infos fehlen, stelle Rückfragen oder gib ein klares „Dazu habe ich keine verlässliche Info“.
- Preis/Verfügbarkeit absichern: Bei Preisen, Rabatten, Lieferzeiten immer Quelle nennen oder an ein System (Shop/CRM) verweisen.
- Scope begrenzen: Keine Rechts-/Medizinberatung, keine verbindlichen Zusagen ohne Freigabe.
Was sind typische Fehler beim Aufbau einer Wissensbasis für RAG?
- Veraltete Inhalte (z. B. alte Preise, alte Policies)
- Schlechtes Chunking (zu lange oder zu kurze Textstücke)
- Keine Metadaten (Version, Datum, Produktbezug)
- Unklare Prioritäten (mehrere widersprüchliche Quellen ohne Regel, welche gilt)
- Kein Monitoring (Halluzinationen werden nicht geloggt und verbessert)
Welche konkreten Maßnahmen reduzieren Halluzinationen am stärksten?
Die besten Hebel sind: RAG mit relevanter Wissensbasis, Quellenpflicht in der Antwort, Schwellwerte fürs Retrieval (wenn Trefferqualität zu niedrig ist: keine definitive Antwort), sowie klare Fallbacks. Zusätzlich helfen präzise Prompts und ein strikt definierter Scope.
Was ist ein gutes Beispiel für Halluzinationen im Online-Marketing?
Ein Sales-Chatbot erfindet einen Rabattcode („20% bis Sonntag“), obwohl keiner existiert. Lösung: RAG auf Preisseite/FAQ, Regel „Rabatte nur nennen, wenn in Quellen vorhanden“, sonst Support-Fallback oder Lead-Formular.
Was ist ein gutes Beispiel für Halluzinationen in Software/IT?
Ein interner Dev-Chatbot erfindet API-Endpoints oder Parameter. Lösung: RAG auf OpenAPI-Spezifikation und Doku, Antwortformat erzwingen (Methode + Endpoint + Parameter + Quelle), und bei fehlender Quelle: Rückfrage oder „nicht sicher“.
Warum sind Halluzinationen für Unternehmer besonders kritisch?
Weil sie direkt auf Vertrauen, Conversion und Support-Kosten wirken. Falsche Aussagen zu Preisen, Lieferzeiten oder Leistungen können zu Beschwerden, Refunds und Imageschäden führen. Ein verlässlicher LLM-Chatbot braucht daher RAG, Regeln und eine gepflegte Wissensbasis.
